The Boat is Leaking. The Captain lied.

Es sind nur drei, vier Stufen, die ich erklimmen muss um in den nächsten Raum zu gelangen. Oben angekommen stehe ich auf einem hellem Holzboden, neben mir hängen große, gelbe Stoffbahnen und vor mir befinden sich einige erwartungsvolle Besucher, die zu mir hinaufsehen – Ich stehe auf einer Bühne. In nur wenigen Sekunden wurde ich von einer passiven Betrachterin zu einem aktiven Teil der Ausstellung, einer Ausstellung in der nichts ist wie es scheint.

Anne Viebrock Four doors
Anne Viebrock, Four doors, 2017

„The boat is leaking. The Captain lied.“ war ein transmediales Ausstellungsprojekt, welches von drei Künstler unterschiedlicher Genres gestaltet und entwickelt wurde. Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, Künstler Thomas Demand, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, sowie der Kurator Udo Kittelmann erarbeiteten gemeinsam ein illusionistisches Gesamtkunstwerk für die Fondazione Prada in Venedig. Ausgehend von einem Missverständnis wurde das maritime Oberthema und der Titel der Ausstellung gefunden. Fälschlicherweise interpretierten die KünstlerInnen Angelo Morbellis Gemälde „Giorni… ultimi!“ (1883) als eine Dokumentation pensionierter Kapitäne, wobei es sich nur um eine Abbildung mittelloser älterer Männer handelte. Davon ausgehend wurde ein Raum innerhalb der Ausstellung gestaltet, in dem sich diese Werkreihe von Morbelli wiederfindet. Nicht irgendein Raum. Es handelt sich um eine perfekte Kopie eines Innenraumes des Hamburger Bahnhofes in Berlin und nur eine Tür weiter findet sich der Besucher wortwörtlich in Morbellis Gemälde wieder. Anne Viebrock erstellte eine detailreiche Nachbildung des Ortes, in dem die älteren Männer ihre letzten Tage verbrachten.

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Anne Viebrock, Stage, 2017
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Thomas Demand, Archiv, 1995
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Vorne: Alexander Kluge, Media system shelf, 2017, Hinten: Thomas Demand, Kontrollraum, 2017

Umgeben von illusionistischen Raumkonzepten, befinden sich Thomas Demands großformatige Fotografien und Alexander Kluges Videoinstallationen. Es entsteht ein gemeinsames Bewusstsein, auf einer emotionalen sowie theoretischen Ebene. Der Titel des Ausstellung nimmt bewusst Bezug auf die kritischen Aspekte der heutigen Zeit und auf die gegenwärtige Komplexität unsere Welt. Besonders deutlich wird dieser gesellschaftskritische Aspekt bei Thomas Demands Fotografien. Auf den ersten Blick wird es unspektakulär. Ein Kirschblütenbaum. Eine Treppe. Ein typischer amerikanischer Hauseingang. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass das Bild nur eine Illusion ist – das Dargestellte ist eine perfekte Nachbildung aus Papier. Doch was wurde nachgebildet? Das Zuhause des Boston Marathon Attentäters. Es folgen weitere Bezüge auf Serienmörder, vermisste Kinder, Fukushima und Trump –  „The boat is leaking“.

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Thomas Demand, Backyard, 2014

In einem gemeinsamen Dialog schaffen es Anne Viebrock, Thomas Demand und Alexander Kluge die Besucher mit unterschiedlichen, polyphonen Medien hinters Licht zu führen, Illusionen zu schaffen und diese ebenso wieder zu verstören.


13 Mai – 27 November 2017

Fondazione Prada

Ca’ Corner della Regina, Santa Croce 2215
30135 Venice

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„The Boat is Leaking. The Captain lied.“ war meiner Meinung nach, einer der besten Ausstellungen im vergangenen Jahr 2017, weswegen dieser Beitrag auch mit etwas Verspätung noch gepostet werden musste 🙂

 

Peter Lindbergh – From Fashion to Reality

Er hatte schon zahlreiche Ikonen vor seiner Linse – inzwischen ist er selbst eine Ikone.   Peter Lindbergh ist einer der renommiertesten Modefotografen der letzten 40 Jahre. Seine Bilder haben die Modebranche regelrecht revolutioniert und einen neuen Realismus in die Modefotografie eingeführt. Als Lindbergh in den 1980er Jahren begann als Fotograf zu arbeiten, war das vorherrschende Frauenbild in der Mode von viel Schminke und Schmuck geprägt. In erster Linie wurde die Mode präsentiert und die Modelle fungierten nur als „Kleiderständer“. Damit wollte er sich nicht zufrieden geben – der schöne Schein reichte ihm nicht. Für Lindbergh stand die Persönlichkeit des Models an erster Stelle, die Kleider wurden nebensächlich in seinen Bildern. Es war mehr das Gefühl, welches beim Tragen entsteht, dass er in seinen Fotos festhält. Wie die Momentaufnahme eines flüchtigen Augenblicks wirken seine, meist schwarz-weiß gehaltenen, Fotografien. Darauf zu sehen sind starke, anmutige Charaktere, die natürlich, ungeschminkt in die Kamera blicken. Lindbergh begründete durch seine ehrlichen Porträts und berühmten Aufnahmen das  Supermodel-Phänomen der 1990-Jahre.

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Peter Lindbergh – Amber Valletta – 1993
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Nachbau Peter Lindberghs Atelier
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Peter Lindbergh – From Fashion to Reality

Die Kunsthalle widmet Peter Lindbergh die Ausstellung „From Fashion to Reality“, in der  neben diesen berühmten Bildern auch bisher unveröffentlichte Fotografien, sowie zahlreiches Material aus seinem Atelier zu sehen sind. Requisiten, Storyboards, Polaroids, Kontaktabzüge und persönliche Notizen ermöglichen dem Besucher einen Einblick in Lindberghs Arbeitsweise. Kuratiert von Thierry-Maxime Loriot, der auch bereits „Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk“ inszenierte, bietet die Ausstellung einen thematischen Überblick über verschieden Einflüsse, die Lindbergh sein ganzes künstlerisches Schaffen begleiteten.

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Kurator Thierry-Maxime Loriot (mitte)
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Einblicke in die Dunkelkammer

Er war einer der ersten Modefotografen, der mit seinen Bildern Geschichten erzählte. Eine rein plakative Abbildung von Mode war ihm zu einseitig, er wollte die Betrachter zum Nachdenken anregen. In Anlehnung an bekannte Film-Stils der 1920er- bis 1950er Jahre spielt er mit kleinen Details, die auf bestimmte Filmklassiker hinweisen könnten. Neben seiner filmischen Ausdrucksweise bestimmt zudem das Spiel mit den weiblichen Archetypen seine Bildsprache. Der spielerische Umgang mit männlichen und weiblichen Attributen, sowie die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, sind ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Besonders ausdrucksstark sind seine von der Tanzwelt inspirierten Fotografien. Über Pina Bausch, die eine enge Freundin von Lindbergh war, drehte er sogar den Film „Pina Bausch. Der Fensterputzer“ (2001).

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Peter Lindbergh – From Fashion to Reality
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Peter Lindbergh – From Fashion to Reality

Auffallend sind die kleinen Zettel der Models, Schauspielerinnen und Tänzerinnen, die ihm alle für die Zusammenarbeit danken. Anscheinend ist es sehr angenehmen mit dem Fotografen zu arbeiten, der auch sympathisch und freundlich auf die Fragen in der Pressekonferenz antwortete. Ob seine Bilder Kunst sind? Darauf erwiderte Lindbergh: „Ich bin zu dem Entschluss gekommen: Es macht keinen Unterschied“.

„From Fashion to Reality“ ist bis zum 27. August in der Kunsthalle München zu sehen.

 

Cindy Sherman – Imitation of Life

Es ist kaum zu glauben, dass auf den 120 Fotografien der Ausstellung immer die selbe Person zu sehen ist. Ein Schulmädchen, eine gealterte Filmdiva, die Mutter Gottes, eine verwahrloste Frau oder eine schwarze Tänzerin, Cindy Sherman kann sich in jeden verwandeln. Vom 11.06.16 bis zum 02.10.16 konnte man im The Broad Museum, Los Angeles, nach 20 Jahren die erste große Ausstellung zu ihren Werken besuchen. Unter dem Titel „Imitation of Life“ wurde ein breites Spektrum ihrer Fotografien ausgestellt. Sherman ist bekannt für ihre Rollenspiele, bei denen sie von Medien beeinflusste, weibliche Stereotypen wiedergibt, indem sie mit Persönlichkeiten, Umgebungen und Gestalt spielt. Dabei arbeitet sie alleine in ihrem Studio und wird somit selbst zur Direktorin, Fotografin, Make-up Artist, Hairstylist und Subjekt. In ihren Arbeiten hinterfragt sie Identität, Repräsentation und die Rolle des Bildes in der zeitgenössischen Kultur. Die Ausstellung wurde von dem Gast Kurator Philipp Kaiser organisiert und legt den Schwerpunkt auf ihre Auseinandersetztung des Films und Berühmtheiten des 20 Jhd.

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Cindy Sherman – Untitled Film Stills (1977 – 1980)
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Cindy Sherman – Untitled #571

Hier könnt ihr eines ihrer neuesten Werke aus dem Jahr 2016 sehen. In Untitled 571 setzt sich Cindy Sherman als eine Schauspielerin zu Zeiten des Stummfilms in Szene. Sie kombiniert die Frau mit einem offensichtlich falschen Hintergrund, imitierter Malerei und verwendet gleichzeitig extreme digitale Effekte. Sherman benutzt in ihrer aktuellen Reihe eine neue Drucktechnik der Bilder. Die Werke sind in Farbe auf Metall gedruckt, was den Betrachter an die Aktualität erinnert, auch wenn die Motive nostalgisch wirken.

“She is one of the most important artists of our time, with a body of work that exemplifies the Pictures Generation—artists whose work came to fruition in the age of the proliferation of mass media imagery in the ‘80s, which is relevant to today’s image-saturated world,” Kurator Philipp Kaiser

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Cindy Sherman -Untitled #137
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Cindy Sherman – Untitled #216
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Cindy Sherman – Murder Mystery 1976