Zu Tränen gerührt

Detektivisch, voyeuristisch und dokumentarisch. Begriffe, die die Arbeitsweise der französischen Künstlerin Sophie Calle nur zu gut beschreiben. Im Münchner Espace Louis Vuitton wird neben einer klassischen Werkreihe aus den 80ern auch eine neuere Arbeit ausgestellt, die eine andere Herangehensweise und große Emotionen zeigt.

Zuerst wenden sie uns ihren Rücken zu, dann drehen sie sich, nach und nach, langsam um. Wehmütige, lachende und mit Tränen gefüllte Augen blicken die Betrachtenden nun direkt an. Es ist ganz still…

…den ganzen Text gibt es auf gallerytalk.net!

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 24. Februar zu sehen.
WO: Espace Louis Vuitton, Maximilianstraße 2a, 80539 München

Foto: Sophie Calle: Voir la Mer, 2011. Exhibition view at Espace Louis Vuitton München Courtesy of the artist, Perrotin and Fondation Louis Vuitton, Photo: Louis Vuitton / Christian Kain.

The Boat is Leaking. The Captain lied.

Es sind nur drei, vier Stufen, die ich erklimmen muss um in den nächsten Raum zu gelangen. Oben angekommen stehe ich auf einem hellem Holzboden, neben mir hängen große, gelbe Stoffbahnen und vor mir befinden sich einige erwartungsvolle Besucher, die zu mir hinaufsehen – Ich stehe auf einer Bühne. In nur wenigen Sekunden wurde ich von einer passiven Betrachterin zu einem aktiven Teil der Ausstellung, einer Ausstellung in der nichts ist wie es scheint.

Anne Viebrock Four doors
Anne Viebrock, Four doors, 2017

„The boat is leaking. The Captain lied.“ war ein transmediales Ausstellungsprojekt, welches von drei Künstler unterschiedlicher Genres gestaltet und entwickelt wurde. Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, Künstler Thomas Demand, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, sowie der Kurator Udo Kittelmann erarbeiteten gemeinsam ein illusionistisches Gesamtkunstwerk für die Fondazione Prada in Venedig. Ausgehend von einem Missverständnis wurde das maritime Oberthema und der Titel der Ausstellung gefunden. Fälschlicherweise interpretierten die KünstlerInnen Angelo Morbellis Gemälde „Giorni… ultimi!“ (1883) als eine Dokumentation pensionierter Kapitäne, wobei es sich nur um eine Abbildung mittelloser älterer Männer handelte. Davon ausgehend wurde ein Raum innerhalb der Ausstellung gestaltet, in dem sich diese Werkreihe von Morbelli wiederfindet. Nicht irgendein Raum. Es handelt sich um eine perfekte Kopie eines Innenraumes des Hamburger Bahnhofes in Berlin und nur eine Tür weiter findet sich der Besucher wortwörtlich in Morbellis Gemälde wieder. Anne Viebrock erstellte eine detailreiche Nachbildung des Ortes, in dem die älteren Männer ihre letzten Tage verbrachten.

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Anne Viebrock, Stage, 2017
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Thomas Demand, Archiv, 1995
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Vorne: Alexander Kluge, Media system shelf, 2017, Hinten: Thomas Demand, Kontrollraum, 2017

Umgeben von illusionistischen Raumkonzepten, befinden sich Thomas Demands großformatige Fotografien und Alexander Kluges Videoinstallationen. Es entsteht ein gemeinsames Bewusstsein, auf einer emotionalen sowie theoretischen Ebene. Der Titel des Ausstellung nimmt bewusst Bezug auf die kritischen Aspekte der heutigen Zeit und auf die gegenwärtige Komplexität unsere Welt. Besonders deutlich wird dieser gesellschaftskritische Aspekt bei Thomas Demands Fotografien. Auf den ersten Blick wird es unspektakulär. Ein Kirschblütenbaum. Eine Treppe. Ein typischer amerikanischer Hauseingang. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass das Bild nur eine Illusion ist – das Dargestellte ist eine perfekte Nachbildung aus Papier. Doch was wurde nachgebildet? Das Zuhause des Boston Marathon Attentäters. Es folgen weitere Bezüge auf Serienmörder, vermisste Kinder, Fukushima und Trump –  „The boat is leaking“.

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Thomas Demand, Backyard, 2014

In einem gemeinsamen Dialog schaffen es Anne Viebrock, Thomas Demand und Alexander Kluge die Besucher mit unterschiedlichen, polyphonen Medien hinters Licht zu führen, Illusionen zu schaffen und diese ebenso wieder zu verstören.


13 Mai – 27 November 2017

Fondazione Prada

Ca’ Corner della Regina, Santa Croce 2215
30135 Venice

Mehr Informationen


„The Boat is Leaking. The Captain lied.“ war meiner Meinung nach, einer der besten Ausstellungen im vergangenen Jahr 2017, weswegen dieser Beitrag auch mit etwas Verspätung noch gepostet werden musste 🙂